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Markt · Mai 2026

250.000 unbesetzte Stellen: Anatomie des DACH-Handwerks-Fachkräfte-Mangels 2026

Quer durch die Gewerke fehlen rund 250.000 Fachkräfte. Eine Bestandsaufnahme zur demografischen Wende, zur Akademisierung, zur Wärmepumpen- und PV-Welle — und zu den Korrekturbewegungen, die das Handwerk in DACH gegen den Trend mobilisiert.

Wer im Frühjahr 2026 eine Heizungsmodernisierung in Auftrag geben will, kennt das Phänomen aus erster Hand: Drei Monate Wartezeit gelten als kurze Frist, sechs bis neun Monate sind die Regel, und in den Ballungsräumen Berlin, Hamburg, München, Wien und Zürich werden für komplette Wärmepumpenpakete bereits Termine im Frühjahr 2027 vergeben. Die statistische Begründung liefern der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) und das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) in ihrer Frühjahrserhebung 2026: Rund 250.000 Stellen sind im DACH-Handwerk derzeit unbesetzt. Davon entfallen etwa 195.000 auf Deutschland, gut 38.000 auf Österreich und knapp 17.000 auf die Schweiz. Es ist die höchste je gemessene Vakanzzahl im handwerklichen Bereich.

Wo die Lücken klaffen

Die Verteilung der Vakanzen folgt einer klaren Logik: Je stärker ein Gewerk in die Energiewende und in die Gebäudemodernisierung eingebunden ist, desto akuter zeigt sich die Lücke. An der Spitze stehen die Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik (SHK) mit rund 60.000 unbesetzten Stellen. Hier wirkt die im Herbst 2024 verabschiedete Novellierung des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) mit ihrer 65-Prozent-Erneuerbare-Pflicht für neue Heizungen wie ein konjunktureller Verstärker einer ohnehin angespannten Lage. Die Elektrotechnik folgt mit rund 45.000 offenen Stellen, getragen vom Ausbau der Photovoltaik (jährlich etwa 14 Gigawatt Zubau in Deutschland), der Wallbox-Installation für Elektromobilität und der zunehmenden Gebäudeautomatisierung.

Im Bauhauptgewerbe entfallen rund 35.000 Vakanzen auf das Maurer- und Betonbauer-Handwerk, 28.000 auf das Dachdecker-Handwerk und 22.000 auf das Zimmerer-Handwerk. Bemerkenswert ist die Zimmerer-Position: Der Holzbau hat von der Verschärfung der Klimaschutzauflagen, von der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) und von der politischen Aufwertung des nachwachsenden Rohstoffs Holz erheblich profitiert. Der Marktanteil des Holzbaus im mehrgeschossigen Wohnungsbau stieg in Deutschland zwischen 2018 und 2025 von rund vier auf knapp dreizehn Prozent. Dieser Anstieg generiert eine Nachfrage, die das Gewerk in seiner gegenwärtigen Beschäftigtenstruktur nicht abdecken kann. Im Ausbaugewerbe wiederum melden Maler- und Lackierer-Handwerk (rund 18.000 Vakanzen), Tischler-Handwerk (15.000) und Glaser-Handwerk (8.000) erhebliche Lücken.

Die demografische Wende und ihre Vorgeschichte

Hinter der akuten Vakanzzahl steht eine demografische Bewegung, deren Konturen seit Jahren bekannt sind, deren Schärfe sich im Jahr 2026 jedoch erstmals vollständig durchschlägt. Die geburtenstarken Jahrgänge der späten 1950er und der 1960er Jahre — die sogenannte Babyboomer-Kohorte — gehen zwischen 2020 und 2032 in den Ruhestand. Allein im deutschen Handwerk verlassen nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zwischen 2024 und 2030 rund 1,3 Millionen Beschäftigte die Erwerbstätigkeit. Dem stehen in den nachrückenden Kohorten etwa 850.000 in den Arbeitsmarkt eintretende junge Menschen mit handwerksaffiner Ausbildung gegenüber. Die rechnerische Lücke von 450.000 Personen entsteht damit allein aus dem demografischen Saldo, ohne dass Wachstumsdynamik der Branche, technologische Verschiebungen oder Migrationseffekte einbezogen wären.

Die Akademisierungswelle der 2000er und 2010er Jahre verstärkt diesen Befund. Während im Schuljahr 1995/96 noch rund 23 Prozent eines Geburtsjahrgangs in Deutschland ein Hochschulstudium aufnahmen, lag die Quote im Akademischen Jahr 2023/24 bei knapp 54 Prozent. Die parallele Zahl der Ausbildungsverträge im Handwerk sank im selben Zeitraum von rund 219.000 Neuabschlüssen pro Jahr (Mitte der 1990er Jahre) auf etwa 137.000 im Berichtsjahr 2024. Erstmals seit langer Zeit verzeichnete der ZDH für das Ausbildungsjahr 2024/25 wieder einen leichten Anstieg um rund drei Prozent — ein Signal, das aus Sicht der Berufsbildungspolitik wie ein Wendepunkt aussieht, aber die kumulierte Lücke noch nicht annähernd schließt.

Die zweite Welle: Wärmepumpen, Photovoltaik, Wallboxen

Über die demografische Bewegung legt sich eine zweite Welle: die Technologieumstellung im Gebäudebestand. Mit der GEG-Novelle 2024, der parallelen Bundesförderung effiziente Gebäude (BEG) und den Klimaschutzbestimmungen der Länder ist eine Modernisierungspflicht entstanden, die in der Praxis vom Handwerk umgesetzt werden muss. Wärmepumpen, Photovoltaikanlagen, Batteriespeicher, Wallboxen und Smart-Home-Komponenten erfordern Fachkenntnisse, die in den klassischen Curricula der dualen Berufsausbildung erst in den jüngsten Generationen der Ausbildungsverordnungen verankert wurden.

Die Folge ist eine doppelte Lücke: Es fehlen nicht nur Fachkräfte insgesamt, sondern auch solche mit dem aktuellen technologischen Profil. Der ZDH schätzte im April 2026 den zusätzlichen Bedarf an SHK-Wärmepumpen-Spezialist:innen in DACH bis 2030 auf rund 18.000 Personen, den Bedarf an Photovoltaik-Monteur:innen auf 22.000. Die Innungen reagieren mit Modulen der Anpassungsqualifizierung — typischerweise vier- bis sechswöchige Lehrgänge an den Bildungszentren der Handwerkskammern, die mit einer bundeseinheitlichen Prüfung abschließen. Die Bundesinnung der Elektrohandwerke (ZVEH) zertifiziert seit 2022 Fachbetriebe für Elektromobilität, die Zentralinnung Sanitär Heizung Klima (ZIV) seit 2023 Wärmepumpen-Fachbetriebe.

Die Gegenbewegung: Image-Kampagne, Frauenanteil, Migration

Gegen die strukturelle Lücke mobilisiert das Handwerk seit langem mit einer breit angelegten Imagekampagne. Die seit 2010 unter Federführung des ZDH laufende Initiative „Das Handwerk. Die Wirtschaftsmacht. Von nebenan.” gilt als die längste durchgehende Branchenkampagne Deutschlands. Sie hat über die Jahre nachweisbar die Selbsteinschätzung der Branche verändert: In repräsentativen Befragungen bewerten heute rund 71 Prozent der unter 25-Jährigen das Handwerk als „moderne und zukunftsfähige Berufsperspektive”; 2010 lag dieser Wert bei 48 Prozent.

Eine zweite Gegenbewegung ist der gestiegene Frauenanteil. Im deutschen Handwerk lag der Frauenanteil unter den Auszubildenden im Berichtsjahr 1995 bei rund neun Prozent — und konzentrierte sich auf wenige Gewerke wie Friseur, Konditor und Augenoptik. 2026 liegt der Frauenanteil bei rund 23 Prozent und verteilt sich über deutlich breitere Berufsfelder. Im Maler- und Lackierer-Handwerk etwa stieg der Frauenanteil von rund vier auf rund 21 Prozent, im Tischler-Handwerk von zwei auf elf Prozent, im Dachdecker-Handwerk von unter einem auf knapp drei Prozent. Im SHK-Bereich bleibt der Frauenanteil mit rund vier Prozent zwar gering, ist aber gegenüber 2015 (1,2 Prozent) deutlich gestiegen. Die Handwerkskammern haben mit Programmen wie „Klischeefrei”, „Girls Day im Handwerk” und gewerkespezifischen Initiativen einen aktiven Beitrag geleistet.

Eine dritte Bewegung betrifft die Integration von Auszubildenden mit Migrationsgeschichte. Im Ausbildungsjahr 2024/25 hatten nach Erhebungen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) rund 18 Prozent der neu eingetragenen Auszubildenden im deutschen Handwerk einen Migrationshintergrund — gegenüber rund elf Prozent im Jahr 2015. Das Anerkennungsgesetz von 2012 und seine Novellierung 2020 erleichtern die Bewertung ausländischer Berufsabschlüsse, und die seit 2023 vereinfachten Verfahren zur Fachkräfteeinwanderung haben die Zahl der mittelqualifizierten Zuwanderer in Engpassberufen messbar erhöht. Im Jahr 2025 wurden rund 28.000 Visa für berufliche Tätigkeiten im Handwerk erteilt — ein Wert, der die jährliche Lücke zwar nicht schließt, aber relevante Größenordnungen erreicht.

Tariflöhne: Das Handwerk wird wieder attraktiv

Eine vierte Dimension der Gegenbewegung ist die Tarifentwicklung. Der allgemeinverbindliche Branchenmindestlohn im Bauhauptgewerbe — der höchste in einem deutschen Wirtschaftszweig — erreichte mit der Tarifrunde 2025 für Fachwerker 17,95 Euro je Stunde, für Lohngruppe 2 (Werker) 14,35 Euro. Effektiventgelte für Gesell:innen mit dreijähriger Berufserfahrung liegen je nach Region und Betrieb zwischen 19,50 und 24,80 Euro je Stunde. Im SHK-Bereich vereinbarten der Bundesverband der SHK-Innungen und die IG Metall im Frühjahr 2025 eine Tariferhöhung von 5,8 Prozent in zwei Stufen; das Ecklohn-Niveau für Gesell:innen erreichte damit zur Jahresmitte 2026 rund 21,40 Euro je Stunde.

Die österreichischen Werte liegen knapp unter den deutschen: Der Kollektivvertrag für das Baugewerbe sah zum 1. Mai 2026 für Facharbeiter:innen einen Stundenlohn von etwa 17,90 Euro vor. Deutlich darüber positioniert sich die Schweiz: Der Landesmantelvertrag für das Bauhauptgewerbe (LMV) regelt die Mindestlöhne; Facharbeiter:innen im Klasse Q-Niveau erhielten 2026 je nach Region zwischen 30,80 und 32,50 Schweizer Franken je Stunde. Umgerechnet zu Wechselkurs Mai 2026 entspricht das rund 32,70 bis 34,50 Euro — und bildet damit das Hochlohnniveau im DACH-Handwerk ab.

Die strukturelle Frage: Was bleibt zu tun?

Die nüchterne Schlussfolgerung lautet, dass die strukturelle Lücke im Handwerk nicht durch eine einzelne Maßnahme zu schließen ist. Es bedarf einer Kombination aus weiterer Imagepflege, Tariferhöhungen, gezielter Migrationspolitik, gestärkter dualer Ausbildung und einer Modernisierung der Ausbildungsordnungen. Die im Berufsbildungsmodernisierungsgesetz 2020 verankerten Mindestausbildungsvergütungen — 682 Euro im ersten Ausbildungsjahr (Stand 2026) — wirken sich positiv aus, sind in Hochpreisregionen jedoch nicht ausreichend, um Auszubildende zu binden. Mehrere Innungen experimentieren mit ergänzenden Modellen: Fahrtkostenzuschüsse, Übernahme von Berufsschulkosten, kostenfreies Wohnen in Bildungsstätten während der überbetrieblichen Lehrgänge.

Der Vergleich mit den Nachbarstaaten verdeutlicht: Österreich kämpft mit ähnlichen Lücken, hat aber durch das Modell der Lehre mit Matura und der dualen akademischen Ausbildung Hybridformate geschaffen, die im deutschen System bislang weniger ausgeprägt sind. Die Schweiz wiederum bindet rund zwei Drittel eines Jahrgangs in die berufliche Grundbildung ein — ein Wert, der die historische Tradition der eidgenössischen Berufsbildung widerspiegelt und der in Deutschland und Österreich aktuell nicht erreicht wird.

Die Botschaft an die handwerkspolitische Landschaft im Mai 2026 lautet: Die 250.000 unbesetzten Stellen sind nicht das Resultat eines einzelnen Versagens, sondern das Echo dreier sich überlagernder Bewegungen — demografischer Wandel, Bildungsumstrukturierung und Technologieumstieg. Wer das Handwerk in DACH durch die kommende Dekade bringen will, muss alle drei adressieren. Die Innungen, Handwerkskammern und Berufsverbände haben einen erstaunlichen Wandel vom Verwaltungs- zum aktiven Gestaltungsakteur durchlaufen. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob dieser Wandel ausreicht, um die strukturelle Lücke zu schließen — und ob das Handwerk seine Rolle als Rückgrat der gebauten Welt auch in einer alternden und akademisierten Gesellschaft zu behaupten vermag.


Ressort: Markt